Mai 14 2015

Innovationen aus der Medizin: Lesen im Atem

Hauche mich an, und ich sage dir, wie es deiner Leber geht. So lautet das Versprechen eines neuen Tests des kleinen Berliner Medizintechnik-Unternehmens Humedics. Er ermöglicht eine weitaus genauere und aktuellere Aussage über die Beschaffenheit der Leber, als es heute die Standard-Diagnostik-Verfahren Blutbild und Ultraschall schaffen. Dabei wird erstmals zeitnah das gemessen, was eigentlich zählt: Die Funktion der Leber. Auskunft darüber soll ausgerechnet die Atemluft geben.

Das zugrundeliegende Prinzip ist simpel: Zunächst bekommt der Patient eine Lösung mit 13C-Methacetin gespritzt, einem Molekül, bei dem einige Kohlenstoffatome gewissermaßen markiert sind – sie haben einen schwereren Kern als die meisten anderen Kohlenstoffatome. In gesunden Leberzellen bauen Enzyme 13C-Methacetin rasch zu Paracetamol ab und der markierte Kohlenstoff wird freigesetzt. Er gelangt über das Blut in die Lunge, wo er in die Atemluft übergeht.

Dort leitet eine Atemmaske die Luft in ein Messgerät, das mithilfe eines Infrarotlasers die relative Menge des schwereren 13-wertigen Kohlenstoffs bestimmt. An den Ergebnissen lässt sich ablesen, wie gut die Leber funktioniert: Je größer die Menge des schweren Kohlenstoffs in der Atemluft ist, desto mehr 13C-Methacetin wurde abgebaut – und desto gesünder ist die Leber.

Aktuelle Leberwerte innerhalb von 30 Minuten

Bislang wird der sogenannte Limax-Test nur bei klinischen Studien angewandt. In der Hepatologie, der Leberheilkunde, könnte er im Falle einer Zulassung für eine kleine Revolution sorgen. „Wenn man einem Menschen die Leber entfernen würde, würde man das an den Blutwerten erst Tage später sehen. Mit dem neuen Test dagegen hat der Arzt innerhalb von 30 Minuten einen Überblick, wie gut die Leber aktuell arbeitet“, sagt der Physiker Karsten Heyne von der Freien Universität Berlin, der den Test mitentwickelt hat.

Zu untersuchen, wie gut die Leber arbeitet, ist besonders vor Operationen an dem Organ wichtig. „Erst wenn die Funktion bekannt ist, lässt sich ungefähr voraussagen, ob ein Patient mit einem Lebertumor eine ausgedehnte Operation überlebt“, sagt Andreas Geier, Leiter des Schwerpunktes Hepatologie am Universitätsklinikum Würzburg. Er sieht die Entwicklung des Tests positiv: „Das erweitert unsere Diagnostik deutlich und kann künftig sogar Leben retten“, so Geier.

Erste Zwischenergebnisse der klinischen Studien geben ihm recht: Seit der Test bei Studien an der Charité in Berlin und elf anderen Kliniken eingesetzt wird, ist die Sterberate nach Leberoperationen um mehr als die Hälfte gesunken. „Bei Leberkrebs entfernen Chirurgen den Tumor und große Teile in der Umgebung. Bislang konnte man den Eingriff aber bei vielen Patienten nicht wagen, weil das Risiko eines kompletten Leberversagens zu hoch war. Der Test erlaubt nun, die Kapazität der Leber im Vorhinein besser einzuschätzen“, erklärt Geier.

Bessere Datenlage für akute Entscheidungen

Nicht nur bei Leberkrebs könnte der Test Ärzte beim Treffen lebenswichtiger Entscheidungen unterstützen, auch sonst sind viele Einsatzgebiete denkbar. Wie stark etwa beeinträchtigt die im Ultraschall gefundene Leberzirrhose die Funktion der Leber? Gibt es bei einem akuten Leberversagen noch eine Chance, die Leber zu retten, oder ist eine Lebertransplantation unausweichlich?

„Im Grunde kann der Test bei fast jeder Lebererkrankung wertvolle Erkenntnisse liefern, die den Verlauf der weiteren Therapie beeinflussen“, sagt Geier. Aber auch bei ganz anderen Problemen könnte der Test den Ärzten helfen: Weil die Leber das zentrale Organ des gesamten Stoffwechselsist, ist die Kenntnis ihrer Funktion vor aufwendigen Operationen und bei Chemotherapien wertvoll.

Vor wenigen Wochen wurde der Test mit dem Innovationspreis Berlin-Brandenburg ausgezeichnet. Auch wegen seines enormen Potenzials gelang es dem Unternehmen problemlos, Risikokapital für die Finanzierung der klinischen Studien zu sammeln. Der einzige Haken: Es dürfte noch dauern, bis der Test zugelassen wird. Anfang nächsten Jahres soll es so weit sein. Bis die Krankenkassen den Test in ihren Leistungskatalog aufnehmen, wird noch weitere Zeit vergehen.

Bis dahin bleibt Patienten nichts anderes übrig, als zu hoffen, den Test im Rahmen der klinischen Studien nutzen zu können. Die Chancen stehen gar nicht so schlecht: Obwohl er offiziell noch nicht zugelassen ist, haben die Ärzte den Test an Universitätskliniken mehr als 12.500-mal eingesetzt. Der Nutzen ist offenbar einfach zu groß, um bis zur Zulassung zu warten.

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