Mai 17 2013

Krankhafte Essstörung: „Besonders wichtig ist der kleine Löffel“

„Ich wiege mich nicht mehr“: Christian Frommert in seiner heimischen Küche, die er zum Kochen noch nie benutzt hat.

Der Winter hat die Bergstraße an diesem Tag noch fest im Griff. Das Haus von Christian Frommert liegt eingeschneit zwischen Waldrand und Schnellstraße. Der Bach, der sich um die Terrasse schlängelt, ist zugefroren. Es ist kalt. Auch Christian Frommerts Hände sind es. An zwei seiner dürren Finger trägt er silberne Ringe, einen klotzigen, einen schmalen. Frommert hat eine dicke Wolljacke an. Ihm ist kalt. Nicht nur seine Hände, auch die Füße sind eisig – und das nicht nur an solchen Wintertagen. Seit über drei Jahren lebt Frommert mit der Kälte, seit er krank geworden ist, seit er nichts mehr isst. Frommert ist ein Mann von sechsundvierzig Jahren, und er hat Magersucht. Es ist Viertel nach eins an diesem Montag.

Herr Frommert, was haben Sie heute schon gegessen?

Nichts. Bis auf einen Kaugummi, aber das kann man ja nicht ernsthaft essen nennen.

Und haben Sie Hunger?

Ich habe mir den Hunger nicht abgewöhnt, ich habe Hunger und versuche, mich mit allen Mitteln von dem Hungergefühl abzulenken. Ich weiß, jetzt kommt gleich die Frage, warum ich nicht einfach esse. Das ist schwer zu verstehen, es ist das Krankheitsbild. Ich bin nur stark und diszipliniert, habe den inneren Kampf nur gewonnen, wenn ich nichts esse.

Haben Sie vor, heute noch etwas zu essen – und vor allem, was?

Heute Abend zwischen 18 und 19 Uhr. Ein bisschen Gemüse und mit Kräutern gewürzten Magerquark, wie immer, auf keinen Fall Kohlenhydrate, die lasse ich im Moment wieder komplett weg, abends zumal. Die Menge, die ich gegessen habe, war schon mal besser. Zurzeit geht es mir wegen persönlicher Dinge und vieler Einflüsse von außen nicht so gut. Das schlägt sich dann sofort in meinem Essverhalten nieder.

Sie essen immer strikt um diese Zeit?

Ja, immer zwischen 18 und 19 Uhr. Ich brauche solche Rituale. Zum Essen verwende ich auch seit Jahren denselben Teller und dasselbe Besteck. Besonders wichtig ist der kleine Löffel.

Frommert steht auf und geht in die Küche. Nach wenigen Sekunden kommt er zurück, in der Hand einen silbernen Laborlöffel mit einer abgeknickten, stecknadelkopfgroßen Kelle. Dass Frommert mit ihm jeden Tag seinen Magermilchjoghurt löffelt, sieht man dem Besteck an. Durch einen solchen Löffel kann Frommert die Menge des Essens, die er zu sich nimmt, besser steuern als mit einem normalen Essgerät.

All diese Rituale sind für gesunde Menschen unbegreiflich. Für Angehörige ist der Umgang mit Magersüchtigen deshalb oft schwierig. Haben Sie aus Ihrer Erfahrung heraus ein paar Tipps für das Umfeld von Magersüchtigen?

Das ist schwierig. Das wäre ja eine Gebrauchsanweisung gegen die Magersucht, und die gibt es nicht. Wichtig ist: kein Mitleid, hartnäckige Hilfe und sich nicht blenden lassen. Man kann als Magersüchtiger nicht verstehen, warum sich alle Sorgen machen. Man selbst denkt sich: Ich sterbe doch nicht an der Magersucht, was wollen die alle? Man empfindet es als maßlos, dass sich jemand in die eigenen Essgewohnheiten einmischen will, und beginnt, sich Ausreden und Lügen zu überlegen: Sorry, kein Hunger, ich habe schon gegessen. Man lebt in seiner eigenen Welt. Von so etwas dürfen sich Angehörige nicht beeindrucken lassen. Sie sollten ruhig dem eigenen Verdacht nachgehen, sich über das Krankheitsbild informieren und an dem Menschen dranbleiben. Meine Schwester ist sehr weit gegangen, sie wollte mich entmündigen lassen. Letztendlich war das, auch wenn ich das damals nicht gesehen habe, ein Schritt in Richtung Therapiebeginn. Das hat mir vermutlich das Leben gerettet.

Ihr Buch heißt „Dann iss halt was“. Ein typischer Satz, den Angehörige zu Magersüchtigen sagen. Können Sie verstehen, dass einem so ein Satz einfach immer wieder rausrutscht?

In einem gewissen Maße ja, weil es einfach nicht nachzuvollziehen ist, warum sich jemand freiwillig diesem Genuss entzieht. Wenn man nicht mehr isst, leidet das soziale Leben enorm darunter. Wissen Sie, wie viele Essenseinladungen ich schon abgesagt habe? Irgendwann lädt einen keiner mehr ein. Mit letzter Gewissheit kann ich ja auch nicht sagen, warum ich nicht esse. Aber ich kann sagen, dass solche Sätze unsensibel sind. Sie zeigen eine Ignoranz gegenüber dem Kranken und seiner Psyche. Keiner würde einem Alkoholiker sagen: Komm, jetzt trink doch mal den schönen Korn hier.

Wie war in Zeiten, als Sie noch gesund waren, Ihr eigenes Bild über Magersüchtige?

Ich habe der Magersucht vor meiner Erkrankung wenig Beachtung geschenkt. Allerdings erinnere ich mich noch daran, dass ich damals einen Film über einen magersüchtigen Sportler gesehen habe. Ich war geschockt. Ich konnte es zu diesem Zeitpunkt nicht fassen, wie man einfach nichts mehr essen kann. Mittlerweile habe ich weniger gewogen als dieser Mann und als viele, über die ich damals gesagt habe: Schau dir den oder die doch mal an.

Wie viel wiegen Sie denn im Moment?

Ich wiege mich nicht mehr.

 Was war Ihr niedrigstes Gewicht?

39 Kilogramm. Das war, als ich in die Klinik kam und kurz vor einem Organversagen stand.

Sie waren als junger Mensch sogar mal übergewichtig. 140 Kilogramm wogen Sie. Wie fühlten Sie sich damals?

Ich erinnere mich an diese Zeit als meine unbeschwerteste im Leben. Ich war kurzentschlossen, spontan, hatte keine Grenzen im Kopf; alles Dinge, die mir heute fehlen. Aber irgendwann kam der Punkt, an dem ich auch gemerkt habe: Irgendwas stimmt nicht mit dir. Ich habe mir damals besonders gewünscht, ebenso wie andere in dem Alter mal eine Freundin zu finden und nicht immer nur der beste, verständnisvolle Kumpel zu sein. Aber es hat damals auch lange gedauert, bis ich es geschafft habe, gegen das Übergewicht anzugehen.

Während des Gespräches sitzt Frommert an einem seiner beiden großen Esstische, die die offene, moderne Küche eingrenzen. Eigentlich brauchte Frommert gar keinen Esstisch und schon gar keinen großen. Er brauchte auch keine Küche und schon gar nicht so eine schicke, denn Frommert lebt seit rund eineinhalb Jahren in seinem neuen Haus und hat die Küche noch nie benutzt. Die Aufzählung von Dingen, die er hat, aber nicht brauchte, kann man problemlos fortsetzen: Kochbücher, einen Obstkorb, Töpfe, Pfannen, eine volle Vorratskammer, eigentlich brauchte er auch kein gemütliches Bett. Nicht nur kocht und isst Frommert nämlich nicht mehr, er schläft auch kaum noch. In der Nacht vor dem Gespräch hat er keine Minute geschlafen, und das ist nicht die Ausnahme. Dafür hat er am Vormittag schon zwei Stunden Sport gemacht, auf dem Hometrainer im Keller. Sein großer begehbarer Kleiderschrank ist voller Hemden, die ihm zu groß sind.

Magersucht ist eigentlich eine Frauenkrankheit. Konnten Sie mit Männern darüber sprechen?

Es gab einen 15 Jahre alten Jungen in der Klinik, mit dem ich reden konnte, der auch unter Magersucht leidet. Magersüchtige ticken alle sehr ähnlich. Er konnte verstehen, wie das Essen den Tag dominiert, die Lügen, das Konstrukt, das man sich im Leben aufbaut. Mit ihm konnte ich so reden, dass es mir geholfen hat. Ansonsten habe ich noch einen guten Freund, der viel Verständnis hat, mit dem ich mich austauschen kann. Aber wirklich verstehen, wie es mir geht, das kann eigentlich keiner.

Männer, die Magersucht haben – das ist ein Tabuthema. Oder haben Sie andere Erfahrungen gemacht?

Nein, ich habe das auch gespürt. Magersucht passt nicht zum Rollenbild des Mannes. Die Krankheit wird als Schwäche gesehen. In voller Konsequenz als Mann zu sagen, ich schaffe es nicht, oder Makel zuzugeben, das ist immer noch schwer möglich. Gerade in der Umgebung, in der ich mich bewege, gerade in diesem Alter.

Gibt es denn ausreichend Therapieangebote für Männer?

Ganz klar nein. Da muss sich wirklich etwas tun. Es braucht Angebote für Männer, speziell für Ältere. Die gibt es kaum. Insgesamt müssen Abläufe und die Ausrichtung individueller werden. Man kann beispielsweise Frauen und Männern in allen Altersstufen nicht einfach den gleichen Fragebogen bei der Aufnahme in die Klinik geben. Aber das größte Problem ist die Nachsorge. Warum ist man als magersüchtige Frau oder essgestörter Mann drei-, vier- oder gar fünfmal in der Klinik und nicht nur einmal? Die Kliniken bereiten einen nicht auf den Alltag allein zu Hause vor.

Das Wort „zugenommen“ löst bei Ihnen Schauder aus. Warum?

Das stimmt, das Schlimmste für mich ist, wenn man mir sagt: „Mensch, Christian, du siehst gut aus.“ Das ist eine Beleidigung für mich, denn der Kopf übersetzt das in: „Du bist dicker geworden.“ Und schon fang ich an zu überlegen, wo ich am Essen sparen kann.

Glauben Sie denn, dass Sie den Satz „Sie haben zugenommen“ irgendwann wieder annehmen können?

Nein, der ist grundsätzlich negativ belegt. Vielleicht kann ich ihn irgendwann mal akzeptieren, aber mehr nicht. Ich werde auch nie wieder ein normales Verhältnis zum Essen haben.

Wollen Sie denn überhaupt wieder gesund werden?

Ob ich wieder gesund werde, werden kann, das weiß ich nicht. Mein Essverhalten wird gestört bleiben. Ich sehne mich aber danach, wieder unbeschwert Musik zu machen, zu reisen, spontan zu sein. Ich wünsche mir, dass ich wieder eine Gelassenheit dem Leben gegenüber habe, einfach unbekümmert lebe. Und vielleicht doch mal wieder kochen kann, in meiner Küche. Das ist ja das Absurde an der Krankheit: Man leidet unglaublich, aber die Rituale und Ängste sind doch immer stärker als der Verstand. Man kommt einfach nicht dagegen an. Selbst wenn man auf einem guten Weg ist, dann muss nur irgendwas schieflaufen und man flüchtet sich wieder tiefer in die Magersucht. Sie ist eine Art sicherer Hafen vor der Außenwelt für uns Kranke.

Als Frommert sich an der Tür verabschiedet, sieht er, dass im Vogelhäuschen im schneebedeckten Garten das Futter alle ist. Schnell greift er zu einem Eimer, um es aufzufüllen. Nicht, dass die Vögel Hunger leiden müssen.

Christian Frommert mit Jens Clasen: „Dann iss halt was!“ Meine Magersucht – wie ich gekämpft habe – wie ich überlebe. Mosaik, 320 Seiten, 19,99 Euro.

Christian Frommert wurde im Februar 1967 in Worms am Rhein geboren. Er arbeitete 15 Jahre lang als Journalist bei der „Frankfurter Rundschau“. 2005 wechselte er zu T-Mobile und wurde Sprecher des Radsport-Teams. 2006 verkündete er einen Tag vor dem Start der Tour de France die Suspendierung von Jan Ullrich wegen Doping-Verdachts. Ende 2008 verließ Frommert den Konzern. Seitdem arbeitet er in der Nähe von Darmstadt als selbständiger Kommunikationsberater. Er leidet seit mehreren Jahren an Magersucht. 2010 begab er sich in eine stationäre Behandlung. Zurzeit befindet er sich noch in ambulanter Therapie.

Original-Artikel:

http://www.faz.net

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