Apr 12 2013

WHO-Bericht: So gesund ist Europa

Ohne lebt sich’s länger: Laut WHO ist Alkohol die Ursache für 6,5 Prozent aller Todesfälle in Europa.

Das Gesundheitsniveau in Europa hat sich verbessert, es gibt aber weiter Ungleichheiten innerhalb der Länder und zwischen den Ländern. Auf einigen Gebieten sind diese Ungleichheiten sogar größer geworden. Das zeigt der „Europäische Gesundheitsbericht 2012“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der an diesem Mittwoch veröffentlicht wird. „Die Verbesserungen in Europa waren leider von einem Preis begleitet“ sagt Claudia Stein, Leiterin der Abteilung Information, Evidenz, Forschung und Innovation beim Regionalbüro Europa der WHO und Autorin der Studie. „Die sozialen Ungleichheiten in Europa sind fast schon zu einem Markenzeichen in europäischen Gesundheitsstatistiken geworden und haben sich auch in unserem Bericht deutlich niedergeschlagen.“

Frauen werden 7,5 Jahre älter als Männer

Der Bericht der WHO erfasst die 53 Mitgliedsländer des Regionalbüros Europa und damit insgesamt fast 900 Millionen Menschen. Er spiegelt wider, dass die Menschen länger leben und dabei gesünder sind. So ist die Lebenserwartung über alle Mitgliedsländer im Jahr 2010 auf durchschnittlich 76 Jahre gestiegen. 1980 lag sie noch bei 71 Jahren. Nach Schätzungen wird sie bis 2050 noch einmal um fünf Jahre auf dann 81 Jahre zunehmen. Gleichzeitig gibt es aber klare Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern: So liegt die Lebenserwartung in dem einen europäischen Land bei 82,2 Jahren, in einem anderen nur bei 68,7 Jahren.

Auch zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen innerhalb eines Landes und zwischen Männern und Frauen gibt es teils ausgeprägte Unterschiede. So wurden Frauen in Europa 2010 im Schnitt 80 Jahre alt, Männer hingegen nur 72,5 Jahre. Die größten Unterschiede in der Lebenserwartung mit mehr als zehn Jahren gibt es mit wenigen Ausnahmen in den Ländern, die insgesamt eine geringe Lebenserwartung haben, darunter Weißrussland, Kasachstan, Litauen, Montenegro, Russland und die Ukraine. Die geringsten Unterschiede mit vier Jahren oder weniger sind in Island, Israel, den Niederlanden, Schweden und Großbritannien zu finden.

Größte Krankheitsrisiken sind Zigaretten und Alkohol

Ein ähnlicher Trend wie für die Lebenserwartung lässt sich auch für die Sterblichkeitsrate ablesen. Sie ist in Europa weiter gesunken. Gleichzeitig gibt es allerdings auch hier große Unterschiede: So sind die Sterblichkeitsraten im Osten am höchsten und im Westen am niedrigsten. „Grund dafür sind konkrete Todesursachen wie Herz-Kreislauferkrankungen, etwa Angina pectoris, die im Osten deutlich häufiger zum Tod führen als im Westen“, sagt Studien-Autorin Claudia Stein. Über alle Länder hinweg sind nicht-übertragbare Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs für 80 Prozent der Todesfälle ursächlich. Übertragbare Krankheiten wie HIV und Tuberkulose treten in Europa zwar seltener auf als in anderen Ländern, „bleiben aber ein Problem“, wie Stein sagt. „Europa ist die einzige Region in der Welt, in der die Zahl der Neuerkrankungen an HIV weiter steigt.“ Die größten Krankheitsrisiken sind laut dem Bericht Zigaretten und Alkohol, wobei Alkohol als Ursache für 6,5 Prozent aller Todesfälle gilt.

Als Konsequenz aus dem Bericht will die WHO die bestehenden Ungleichheiten verringern. „Sie sind unnötig und ungerecht und müssen für uns eine Priorität sein, die wir zusammen angehen“, sagt Zsuzsanna Jakab, Regionaldirektorin für Europa. Die Mitgliedsländer haben deshalb im September ein gemeinsames Programm verabschiedet: „Gesundheit 2020“. Mit ihm will man auch die Lebenserwartung weiter erhöhen und die Sterblichkeitsraten weiter senken.

Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit

Erstmals ist in dem Programm auch das Ziel formuliert, das Wohlbefinden der Menschen in Europa zu steigern. Seit ihrer Gründung im Jahr 1948 ist das Wohlbefinden ein zentraler Bestandteil der Definition der WHO von Gesundheit. Diese setze „nicht nur die Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen“ voraus, „sondern einen Status von komplettem körperlichem, mentalem und sozialem Wohlbefinden“. Trotzdem hat die WHO Wohlbefinden bislang nie messen können. Das liege auch daran, dass es dafür lange keine solide Datenbasis gegeben habe, sagt Stein. „Wenn man auf diesem Gebiet Fortschritte machen will, muss man aber Informationen dazu sammeln. Was nicht gemessen wird, wird auch nicht umgesetzt.“

Die WHO will deshalb jetzt bis zum Jahresende definieren, was Wohlbefinden überhaupt ist, und Indikatoren festlegen, um es messen zu können. In Frage kommen objektive Indikatoren wie Bildung, Arbeit und soziale Beziehungen, aber auch subjektive Faktoren wie die Zufriedenheit der Menschen mit ihrem Einkommen. Der Bericht geht dabei auch auf die wechselseitige Beziehung zwischen Wohlbefinden und Gesundheit ein: Wohlbefinden setze Gesundheit voraus, gleichzeitig sei das Wohlbefinden aber auch ein Indikator für die künftige Gesundheit. Die Ergebnisse des Programms sollen auch eine Grundlage für künftige politische Entscheidungen bilden, wie Claudia Stein sagt: „Wir befinden uns am Beginn eines Prozesses, und der ist noch lange nicht abgeschlossen.“

 

Original-Artikel:

www.faz.net/

 

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